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Der Bericht erschien in den 70gern im Abenteuer Almanach Finnland,
Umschauverlag, Herausgeber Engel/Trobitzsch
hier ist die ungekürzte Originalversion des Berichtes
von der Fahrt aus dem Sommer 1974 - die im Buch abgedruckte Fassung wurde vom Herausgeber
Jörg Trobitzsch stark gekürzt - das Buch ist leider nur noch antiquarisch zu erhalten -
dies ist das Original-Manuskript von Manfred:
Autor: Manfred Hilbers
T E N O J O K I - T A N A E L V
Befahrung des Grenzflusses zwischen Finnland und Norwegen in Lappland von Manfred
Hilbers, Bremerhaven 
Es war nicht unsere erste Reise in den Norden, nach Seen, Schären und Fjorden wollten wir
einen Wanderfluss in Lappland kennenlernen, weit nördlich des Polarkreises. Wolfgang
Bisle und ich fuhren mit dem Auto über die gut ausgebauten Straßen an der schwedischen
Ostseeküste und über Harparanda und Rovaniemi auf der Eismeerstraße nach Karigasniemi.
Von hier aus wollten wir den Tenojoki (finnisch) bzw. Tanaelv (norwegisch) befahren, der
die Grenze zwischen Finnland und Norwegen bildet. Für Wanderfahrten mit Gepäck bot er
sich deshalb an, weil Wolfgang ihn von Sehen her schon kannte und auf einer langen Strecke
eine Straße mit Bus-Linienverkehr an ihm entlangführt. Letzteres war deshalb so wichtig,
weil wir nur einen Wagen hatten. Wenn notwendig, hätte man zudem an jeder beliebigen
Stelle die Fahrt abbrechen können.
Im Fluss befinden sich mehrere als gefährlich geschilderte Stromschnellen (laut altem
DKV-Auslandsführer), die wir per Bootswagen umgehen wollten. Am Abend in Karigasniemi
angekommen, schlugen wir unser Zelt auf der finnischen Seite des Tenojokis am Ufer auf, in
Sichtweite der Brücke nach Karasjok in Norwegen. Hier heißt er allerdings noch Anarjokka
und wird erst einige Kilometer weiter zum Tenojoki durch die Vereinigung mit dem
Karasjokka. Der Tenojoki ist insgesamt über 3oo km lang.
Karigasniemi ist ein kleiner Grenzort mit wenigen Häusern, Tankstelle (damals noch mit
Handbetrieb) und "Tante-Emma-Laden". Er liegt am 622m hohen Ailigas-Berg, auf
dem sich heilige Stätten der Lappen befinden sollen.
Am nächsten Norgen, bei leichtem Nieselregen, füllten wir die Löcher in unserem
Nahrungsmittelbestand (wir waren bereits seit 2 Wochen unterwegs) auf. Dann fuhren wir
hinüber nach Karasjok. Diese Stadt ist das Zentrum der norwegischen Lappen und hat auch
ein Lappenmuseum (samiske samling). Karasjok ist wesentlich größer und mehr mit Beton
verbaut als Karigasniemi. Dafür bietet es bessere Einkaufsmöglichkeiten. Nun, wir hatten
schon alles, wollten nur noch rasch auf dem Postamt nach Briefen von zuhause fragen. Ein
weiterer Besuchsgrund: die Busverbindungen von oder nach Tanabru oder einem Ort am
Tanafjord. Nach einigem Hin und Her erfuhren wir, dass gegen 14.00 h in Tanabru ein Bus
Richtung Karasjok abfahren sollte. Jetzt hatten wir ca. 10.00 h. Wir kehrten sofort zum
Zelt zurück, luden das Gepäck für die Kajaktour aus und den überflüssigen
Autofahrerkomfort ein. Alsbald war ich, diesmal allein, wieder auf dem Weg nach Karasjok.
Unterwegs las ich noch einen Engländer auf, der zum Nordkap trampen wollte. Er war froh,
im jetzt stärker einsetzenden Regen wenigstens bis Karasjok mitgenommen zu werden. Dort
angelangt versuchte ich noch einmal, die genaue Abfahrtszeit des Busses in Tanabru zu
erfahren: 13.18 h. Inzwischen hatten wir aber schon nach10.00 h da blieben knapp 2 Stunden
für 180 km! Ein Alptraum, ich kannte norwegische Schotterstraßen noch von früher, und
als solche war die Strecke in der Karte gekennzeichnet. Ich wollte es versuchen, den Bus
dort zu erreichen, ansonsten konnte ich ja noch im Wagen übernachten. Vielleicht ergäben
sich auch noch andere Transportmöglichkeiten. Inzwischen war das schönste Gewitter im
Gange mit Regen wie aus Kübeln, in Hagel übergehend. Der Engländer war noch nicht
weiter gekommen und bat mich nun, mitzunehmen. Zum verweilen reizte ihn diese Ortschaft
nicht sonderlich. Autos waren nur wenige vorbeigekommen, die meisten waren zudem noch mit
Urlaubern und ihrem Gepäck überlastet. Zu meiner größten Überraschung stellte ich
fest, dass das erste Drittel der Strecke asphaltiert war. Dadurch kamen wir sehr schnell
voran. Die Höchstgeschwindigkeit von 80km/h überschritt ich dabei aber erheblich. Nein
Mitfahrer krallte sich am Griff fest und war recht einsilbig. Gegenverkehr trat jedoch nur
an übersichtlichen Stellen auf. Auf der Schotterstrecke spritzte das Wasser aus Pfützen
und Schlaglöchern in Fontänen zur Seite. Von der Straße hat man durchgehend einen sehr
guten Blick auf den Fluss. Ich konzentrierte mich jedoch auf den Weg, der allen Biegungen
des Flusses folgte und wollte auf der Rückfahrt genauere Beobachtungen anstellen. Eine
viertel Stunde vor der Abfahrt des Busses erreichten wir Tanabru, auch der Beifahrer lebte
noch. Man bestätigte mir den Abfahrtstermin und es blieb noch Zeit für eine Tasse Kaffee
im Rasthaus. Als ich dann den Fotobeutel aus dem Wagen nehmen wollte, mochte ich kaum den
Griff der Tür anfassen, so verklebt und verschmiert war alles mit dem Lehm der Straße.
Ich kletterte nun in den Bus, in dem nur wenige Leute saßen. Zu zahlen hatte ich ca. 50,-
NKR. Die Reise sollte ungefähr 5 Stunden dauern mit einer Pause in Laevvajokk. Es regnete
noch immer, als der Bus fast pünktlich abfuhr. Die Straße war selten breiter, als die
Fahrspur des Busses. PKWs, die überholen wollten, mussten sich bis zur nächsten
Haltestelle gedulden, bzw. wurden bei gelegentlichen Stopps extra zu diesem Zweck
vorbeigelassen. Man kann zu diesen Bussen übrigens auch auf freier Strecke zusteigen, auf
ein Zeichen halten sie immer an. Die Fahrt führte am Ufer des Tanaelv entlang, nur
gelegentlich wurde die Sicht durch Bäume oder Büsche verdeckt. Vorn, beim Fahrer sitzend
und durch die von den Scheibenwischern freigehaltenen Frontscheiben schauend, musterte ich
den Strom. Er war zwischen 5o und 2oo m breit. Viele Sandbänke und Inseln zergliederten
die Wassermassen in verschiedene Flussarme. Mehrere Schwallstrecken waren zu erkennen,
besonders der "Storfossen" gab mir zu denken, eine fast 1km lange, ca. 5om
breite Strecke mit hohen Widerwellen und Walzen mit großen Felsbrocken versetzt. Na ja,
zur Not gab's noch den Bootswagen. Kurz vor Laevvajokk hörte es auf zu regnen, so konnte
ich mir diese Siedlung genauer ansehen. Sie besteht aus einem Bauernhof, Gasthof mit
Pension und Reitschule. Viele Kinder und junge Leute liefen hier umher. Am Ufer des
Tanaelv tuckerte eines der typischen, von den Lappen benutzten Boote, flussaufwärts. Sie
sind ca. 5-6m lang und kaum einen Meter schmal und am Bug hochgezogen gebaut. Früher
wurden sie mit langen Stangen vorwärtsbewegt, heute benutzt man Außenbordmotoren.
Auf der zweite Hälfte der Rückfahrt nieselte es noch gelegentlich, bei unserer Ankunft
in Karasjok war der Himmel nur noch bewölkt. Das war auch gut so, schließlich hatte ich
noch eine Strecke von 2o km Fußmarsch vor mir. Ich hegte keine große Hoffnung,
mitgenommen zu werden. Ein Drittel des Weges entlang des Karasjokka hatte ich bereits
hinter mich gebracht, da hielt auf mein Zeichen hin ein Milchwagen. Er hielt dann zwar
auch bei buchstäblich jeder Milchkanne an, aber besser schlecht gefahren als gut
gelaufen. Es war Abendbrotzeit, als ich das Zelt wieder erreichte. Wolfgang war
überrascht, mich schon wiederzusehen. Er hatte erst für den nächsten Tag mit meiner
Rückkehr gerechnet. Während die Spiegeleier in der Pfanne brutzelten, schilderte ich ihm
meine Erlebnisse. Hundemüde kroch ich anschließend in den Schlafsack.
Am folgenden Morgen nieselte es noch leicht, als wir uns wieder aus den Schlafsäcken
schälten. Die halbe Nacht hatte es geregnet. Während des Frühstücks klarte es jedoch
auf. Schließlich wurde es sogar so warm, dass wir beim Packen der Boote ins Schwitzen
kamen und Pullover und Hemd auszogen. Das Packen der Boote dauerte heute noch recht lange,
wie immer zu Beginn einer längeren Wanderfahrt. Schließlich schoben wir die Boote aber
ins Wasser, das stellenweise noch recht flach war, wenngleich es rasch dahin strömte.
Für die Strecke von rund 18o km hatten wir 6 Tage eingeplant. 3o km waren am Tag leicht
zu schaffen. Außerdem wollten wir die Landschaft erleben, und keine Rallye veranstalten.
Sollten wir durch schlechtes Wetter o. ä. Zeit verlieren, konnten wir sie wieder
einholen. Zu Beginn war der Anarjokka bzw. der Tenojoki recht breit und mit vielen, 1-3 m
hohen Sandbänken bestückt. Man konnte jedoch meistens beide Flussarme befahren. Der
Karasjokka brachte wenige Kilometer nach unserem Start mindestens die gleiche Wassermenge
hinzu. So wurde der Tenojoki zum Strom.
Zunächst machte die Landschaft einen hügeligen Eindruck, höhere Berge waren erst im
Hintergrund zu sehen. Die Ufer bestanden aus einem mehrere Meter hohen und breiten Sand-
oder Kiesstrand. Daran schloss sich zumeist dichtes Gebüsch an, zum Zelten also nicht so
ideal. An den Berghängen wuchsen Birken. Oftmals sahen wir große Gebiete, die schwarz
verkohlt waren. Hier hatten verheerende Flächenbrände getobt, eine Mahnung, mit dem
Feuer vorsichtig umzugehen. Die Natur braucht hier im Norden sehr lange, um sich zu
regenerieren.
Schwere Wolken wälzten sich heran, verdeckten zeitweise die Sonne, ein kühler Wind aus
Norden setzte am Nachmittag ein. Von Regen blieben wir heute aber noch verschont. Dann
wurde das Flussbett schmaler, die Berge rückten dichter an die Ufer heran. Sie hatten
meist eine Höhe von 3 - 4oo m, manche aber auch mehr als 5oo m. Da wir am Vormittag spät
los gefahren waren, paddelten wir auch bis zum Abend. Wir hatten das Glück, eine Weide am
Ufer zu finden, die sich mit ihrem kurz gefressenen Gras vorzüglich zum zelten eignete.
Als das Zelt stand, fühlte ich einen harten Gegenstand unter dem Boden, ein Hufeisen. Na,
wenn das kein Glück bringt!
Während der gesamten Fahrt ergab es sich, dass wir immer auf der östlichen Seite des
Flusses zelteten, außer in Tanabru also immer am finnischen Ufer. Einer der Gründe
hierfür war, dass wir den Sonnenschein optimal ausnutzen wollten. Wenn die Sonne nämlich
abends hinter den Bergen verschwand, wurde es sofort empfindlich kühl. Dann zog auch ein
laues Lüftchen noch unangenehm unter den Bundeswehrparka. Da beeilte man sich, das Zelt
auf zubauen. Erst Tee mit Rum wärmte uns wieder auf und verkürzte uns die Wartezeit, bis
das Labskaus fertig war. Da wir diese Fahrt erst im August unternehmen konnten, mussten
wir auf den größten Vorteil der nördlichen Breitengrade verzichten: die
Mitternachtssonne. In der Zeit von Mai bis Juli bleibt es hier die ganze Nacht hell, die
Sonne geht dann wochenlang nicht mehr unter. Dann wird man nicht durch die hereinbrechende
Dunkelheit gezwungen, die Tagesetappe zu beenden, kann im Hellen kochen und die
Temperaturen sind ausgeglichener.
Während der folgenden Nacht regnete es wieder. Auch am nächsten Morgen wirkte die
Umgebung bei Nieselregen wenig einladend. Schließlich rafften wir uns aber doch auf, den
Wasserkessel auf den Benzinkocher zu setzen. Nach einem ausgiebigen Frühstück gelang es
uns, in einer Regenpause trocken unsere Ausrüstung in die Boote zu verstauen. Bei dem
klitschnassen und damit sperrigen Zelt war dies allerdings nur unter Nachstopfen mit den
Füßen zu schaffen. Die erste Hälfte der Tagesstrecke legten wir bei Regen zurück. Der
starke Gegenwind trieb ihn uns ins Gesicht. Das hier engere Stromtal beschleunigte die
Fließgeschwindigkeit, sodass der Luftstrom regelrechte Wellen aufwarf.
Zudem war es ziemlich kühl. Für diesen Teil der Fahrt entsinne ich mich vor allem meiner
klammen Hände. Nachdem ich zwischendurch ein Foto geschossen hatte, gelang es mir nicht
einmal mehr, den Gummifalz am Fotobeutel zu schließen. Die straff zu spannende
Spritzdecke ging gerade noch zu.
Da wir unsere Tagestouren meistens erst am späten Vormittag starteten, speisten wir nur
zweimal täglich, aber dafür um so ausgiebiger. Zum Frühstück gab es Kaffee, Eier, Brot
und Auflage, abends etwas Warmes. Zur Mittagszeit aßen wir Schokolade. Da verlor man
keine Zeit und konnte sich gemütlich treiben lassen. Auch strömender Regen konnte uns
nicht davon abhalten, unsere tägliche Ration zu genießen. Überhaupt habe ich
festgestellt, dass man in nördlichen Gegenden geradezu einen Heißhunger auf Süßigkeit
entwickelt.
Am Nachmittag ging es bei inzwischen trockenem Wetter zwischen einigen Inseln hindurch.
Sie waren leider zu dicht überwuchert, um darauf zelten zu können. Wir mussten uns noch
ein wenig gedulden, bis wir die Häuser eines Lappendorfes erreichten. Eine fast ebene
Wiese, von Schafen kurzgehalten, lud uns zum Landen ein. Darauf stand ein Gatter, über
das Netzte gespannt waren, vermutlich zum Trocknen. Dahinter befanden sich einige Häuser,
im typischen skandinavischen Stil aus Holz gebaut, wenn auch nicht so gut in Farbe. Kaum
hatten wir einen Blick in die Runde geworfen, da näherte sich ein Lappenboot mit einer
Großfamilie darin: vom Großvater bis zur Enkelin, alle im Sonntagsstaat, dabei war heute
erst Samstag.
Sie waren vermutlich zum Einkaufen in Valjo gewesen. Jedenfalls schleppten sie einige
Kartons. Die Frauen hatten die typische, farbenfrohe Lappentracht an. Die Männer trugen
schwarze Anzüge und z. T. Lappenmützen auf dem Kopf.
Auch wir wurden aufmerksam betrachtet, desgleichen unsere Boote. Wir grüßten und baten
um die Erlaubnis zu zelten. Unser Englisch und der begrenzte norwegische Sprachschatz
reichten zu einer Unterhaltung leider nicht aus. Zelten durften wir aber.
Die anderen verschwanden bald im Haus, lediglich Vater und Sohn blieben noch eine Weile
und beobachteten uns beim Zeltaufstellen und Leeren der Boote. Man sah ihnen an, dass Sie
gern mit uns über einige Dinge gesprochen hätten, es brachte nur nicht viel.
Schließlich betraten auch sie das Haus.
Wenn man in Deutschland über Lappen oder, wie sie sich selbst bezeichnen, Samen spricht,
so denkt man dabei an Nomaden und Rentierherden. Ein großer Teil dieses Volkes ist aber
schon lange als Bauern oder Fischer sesshaft. So auch diejenigen, die wir hier trafen.
Überall sahen wir dreibeinige Gestelle im Fluss stehen, zwischen denen zur Zeit der
Lachswanderung Netze durch den Fluss gespannt werden. Hier kann der Lachs noch leben, das
Wasser ist klar und sauber, der Fluss ist unverbaut und ohne Industrieabwässer.
Auch während dieser Nacht regnete es wieder, der nächste Tag brachte aber strahlenden
Sonnenschein, wenn auch mit kräftigem Gegenwind.
Gefälle und Fließgeschwindigkeit des Tenojoki sind recht unterschiedlich, 7 - 8 km/h
kann man aber auch bei Gegenwind auf ihm schaffen. An diesem Tag kamen wir besonders gut
voran. Mehrer Stromschnellen halfen dabei. Gegen Abend erreichten wir den "Övre
Storfossen" (obere große Stromschnelle). Es. spritzte und kabbelte ein wenig,
gleichwohl ging es bei WWI-II problemlos hindurch. Unsere schwerbepackten Wanderboote von
430cm Länge waren gut genug.
Der Himmel bezog sich wieder, so beeilten wir uns, an Land zu kommen. Wir hatten Glück.
Der nächste Tag brachte wieder Sonnenschein und wenig, dazu zumeist Rückenwind . Lange
Strecke ließen wir uns den Fluss hinabtreiben, das Paddel als Windfänger benutzend,
indem wir es senkrecht auf das Boot stellten. Jetzt hätte man ein Segel gebraucht.
Bisher flog der Tanaelv ungefähr von Süd nach Nord, nun bog der Fluss nach Osten ab.
Vielleicht bewirkte dies auch die Änderung der Windrichtung in dem Stromtal.
Gelegentlich kamen wir an recht großen Inseln von 100 m Länge und mehr vorbei und
schließlich zur Fähre bei Utsjoki. Kurz davor landeten wir, um im Ort unseren Proviant
aufzubessern. Außerdem wollte ich mir noch einen Schwarz-Weiß-Film kaufen, den
Reservefilm hatte ich im Wagen liegengelassen. Lebensmittel und Benzin zum Kochen waren
leicht zu bekommen, den Film konnte ich nicht einmal in dem Hotel kaufen. Auch in Lappland
hatten die Kassetten (im Jahr 2000: Diese Filmkassetten kennt man heute gar nicht mehr)
schon Einzug gehalten.
Zurückgekehrt zu den Booten, konnten wir nicht widerstehen, ausnahmsweise von den frisch
eingekauften Dingen zu essen, das Brot roch so verführerisch.
Zu unseren Füßen lag das Geschiebe des Flusses, überwiegend faustgroße,
rundgeschliffene Steine. Bei näherem Hinsehen entdeckten wir solche, die vollständig aus
Quarz bestanden. An abgeschlagenen Stellen leuchtete das Mineral weiß hervor.
Von Utsjoki führt auch auf der finnischen Seite eine Straße nach Norden. Es gibt hier
auch mehr Besiedlung am Ufer, als bislang. An diesem Abend fanden wir nur schwer eine
Stelle zum Zelten. Hinter einer kleinen Stromschnelle entdeckten wir die Mündung eines
kleinen Flusses. Nachdem wir ihn ein kurzes Stück aufwärts gepaddelt waren, entdeckten
wir auf dem linken Ufer eine ebene Wiese. Nur das Aussteigen am Prallhang und unter
Büschen war sehr unangenehm. Beinahe wäre ich dabei noch in den Bach gegangen.
Die Sonne schien an diesem Abend noch so warm, dass ich das Zelt allein aufbauen konnte,
während Wolfgang sich über die Kartoffeln hermachte. Reis und Nudeln schmeckten uns auf
die Dauer nicht so gut, auch wenn man Kartoffeln vor dem Genuss erst schälen muss.
Wolfgang stürzte sich abends immer so wild auf die anstehenden Arbeiten, dass er meistens
vergaß, die Spritzdecke abzulegen. Dazu kam er dann erst beim Schlafengehen.
Der Erdboden des Zeltplatzes bestand aus Gras, Heidekraut Beerensträuchern und Flechten.
Besonders typisch für Lappland sind ja die Moltebeeren. Ihre Triebe wachsen bis zu 20 cm
hoch, haben keine Stacheln und handförmig gelappte Blätter. Die Beere ist eine
Sammelfrucht und rot bis orange in der Farbe. Marmelade und Schnaps werden daraus
hergestellt.
Aber auch andere Beerenarten kamen häufig vor wie Moor- und Heidelbeeren. Wir sahen auch
verschiedene Pilzarten, wagten sie jedoch nicht zu essen, da wir uns damit nicht aus
kannten.
An diesem Abend war es recht warm. sodass wir noch ziemlich lange vorm Zelt sitzen und ein
kleines Lagerfeuer entzünden konnten. Mit Findlingen hatten wir einen Ring gebildet,
sodass das Feuer nicht unkontrolliert ausbreiten konnte. Wir unterhielten es neben
Treibholz auch mit trockenem Gras oder Heidekraut, um die Mücken zu vertreiben. Da wir
jedoch so relativ spät im Jahr unterwegs waren, hatten wir nur wenig Last mit ihnen, Die
wenigen, die uns behelligten, wurden schon durch das wirksame finnische Mückenöl
vertrieben.
Auch der fünfte Tag unserer Reise brachte wieder gutes Wetter. Gleichwohl konnte man an
den Birken den nahenden Herbst erkennen. Die Blätter begannen bereits, sich zu färben.
Wir hatten am nächsten Tag bereits einige kleinere Schwallstrecken hinter uns gebracht,
als ein motorisiertes Lappenboot mit Höchstgeschwindigkeit hinter uns herfuhr. Die
Insassen bedeuteten uns, sofort ans Ufer zufahren. Dort machten sie uns klar, dass wir auf
keinen Fall weiterpaddeln dürften. Der Fluss würde so wild und verblockt werden, dass
wir nicht lebend hindurch kämen. Der Bruder des einen von ihnen sei dort schon
umgekommen. In der Tat floss der Strom jetzt noch schneller dahin. Er blieb zunächst aber
noch leicht überschaubar und Anlegemöglichkeiten waren auch noch genügend gegeben. So
bedankten wir uns für die guten Ratschläge und fuhren einige hundert Meter weiter.
Nun hatten wir den "Storfossen" erreicht. Wir sahen hohe Widerwellen und Walzen.
Das Ufer bestand aus riesigen Findlingen, die auch, unterschiedlich weit aus dem Wasser
ragend, Kehrwasser bildeten. Wir erkundeten nun den Fluss vom Ufer her, indem wir über
die Steine hinwegturnten. Hier, auf dem finnischen Ufer, verlief die Straße in einiger
Entfernung. Der Strom durchschnitt einen Hügel von vielleicht 50 m Höhe über der
'Wasseroberfläche.
Aus einem Lappland-Sonderheft des "Kanu-Sporte" erfuhr ich später, daß dieser
"Storfossen" bisher nur von wenigen Könnern befahren worden ist. Wir hatten
aber auch so einen ganz erheblichen Respekt vor ihm. Andererseits verspürten wir aber nur
wenig Lust, die Boote und das viele Gepäck umzutragen bzw. zu karren. Immerhin betrug die
Länge der Stromschnelle über 500 m. So beschlossen wir, uns am Gleithang entlang an den
schwierigsten Stellen vorbeizuschummeln. Den günstigsten Weg prägten wir uns ein. Die
Steuerung am Boot wurde abgebaut, der Neopren-Anzug angelegt, dann ging's los.
Wir schwitzten wegen der Wärme und der Aufregung. Die ersten Abfälle von gut 5o cm Höhe
mit den anschließenden Walzen waren aber leichter zu meistern, als wir erwartet hatten.
Nur quertreiben vor den oft nur 1 m auseinanderliegenden Felsen durfte man nicht. Weil es
so gut ging und um die Felsen zu meiden, zog en wir weiter zur Mitte des Flusses. Da waren
die Walzen zwar höher, die Felsen lagen aber weiter auseinander. Schließlich wurden wir
übermütig und fuhren mutwillig in die größeren Walzen hinein, soviel Spaß bereitete
uns die Fahrt. Als die Strecke schließlich zu Ende war, bedauerten wir das sehr. Schade
auch, dass wir die interessanten Stellen zu Beginn ausgelassen hatten.
Während unserer Befahrung des Tenojokis herrschte ziemlich niedriger Wasserstand. Dadurch
war die von uns befahrene Strecke vielleicht mit WW III einzustufen, der Parcours der
schwierigsten Stelle hatte wohl immerhin noch WW IV-V. Für uns war WW III mit den
vollgepackten Wanderbooten noch schwierig genug. Ob wir wohl die ersten waren, die den
Storfossen auf diese Weise bezwungen hatten (1974)?
Die Sonne verschwand hinter den Bergen, in den Neoprenanzügen wurde uns kühl. Auf einem
schmalen Uferstreifen konnten wir bald das Zelt aufbauen und bei heißem Tee über den
Storfossen fachsimpeln. Es war bereits dunkel, also nach 22.30h, als wir in die
Schlafsäcke krochen. Der sechste Tag auf dem Tenojoki wurde dann auch unser letzter. Das
Wetter war wieder herrlich, die Strömung blieb flott. Obwohl der Fluss wieder breiter
wurde, kamen wir gut voran. Irgendwann bog die finnische Grenze nach Osten ab, dann war
auch das rechte Ufer norwegisch.
Dass wir überhaupt auf einer Grenze entlanggepaddelt waren, war nur an einem Schild auf
der Brücke von Karigasniemi nach Karasjok zu erkennen gewesen. Keine Kontrolle hatte
stattgefunden, wir wurden nicht beobachtet, nichts. Welch ein Kontrast zu einer Fahrt auf
der Elbe zwischen Schnackenburg und Lauenburg(1974). Größere Gegensätze sind kaum
denkbar.
An den Ufern fanden sich immer mehr Häuser, beflaggt mit den norwegischen Farben Rot,
Blau und Weiß.
Durch flaches Wasser schrubbelten wir schließlich in Tanabru an Land. Hier wurde früher
sicher eine Furt genutzt. Oberhalb der Brücke, die den Ort den Namen gab, befand sich ein
Stück brachliegendes Land, auf dem wir zelteten. Der Wagen war schnell herbeigeholt.
Autofahrerkomfort wie Tisch und Stühle standen wieder zur Verfügung, so recht vermisst
hatten wir den aber gar nicht. Breit, wenn auch nicht mächtig, so floss der Tanaelv
weiter dem Eismeer zu. Wolfgang und ich mussten, nach dem obligatorischen Abstecher zum
Nordkap, leider wieder gen Süden ziehen. Unterwegs in Norwegen trafen wir bayerische 'WW-Fahrer,
die mit ihren Autos von einer Stromschnelle zur nächsten fuhren, um nur die
interessantesten Strecken mit dem Boot auf dem Wildwasser zu paddeln. Ungläubiges Staunen
ernteten wir bei dem Bericht, auf einem einzigen Gewässer 180 km in einem Stück
gepaddelt zu haben: "Jo mei, wos hobts denn ihr für an Hintern?!"
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